häusliche Gewalt – oder die Grenzen der Vernunft

Bei Fällen, die das Label „häusliche Gewalt“ tragen, setzt die Vernunft der Rechtsanwender gelegentlich aus. So erschien bei mir ein älteres Ehepaar, seit 40 Jahren verheiratet, erwachsene Kinder, einfache Verhältnisse, nicht unsympathisch. Sie hatte ihm – beide hatten zu viel Rotwein getrunken – im Streit spätabends ein Glas an den Kopf geschmissen. Da der Streit recht laut ausgetragen wurde, hatten die Nachbarn die Polizei gerufen, die das Ganze aufnahm. Am nächsten Morgen war alles schon wieder vergessen. Vorher hatte es so etwas nicht gegeben, seitdem auch nicht mehr. Es war ein unspektakuläres einmaliges Ereignis. Der Ehemann selbst nahm das nicht sonderlich ernst. Es drängte sich daher meines Erachtens auf, das Verfahren einzustellen. Das war für mich die einzig angemessene Reaktion der Staatsanwaltschaft. Stattdessen folgte allen Ernstes eine Anklage der Ehefrau  wegen gefährlicher Körperverletzung zum Amtsgericht. Bei häuslicher Gewalt werde halt immer angeklagt, wurde mir zur Begründung gesagt.

Es ist gut, dass Fälle häuslicher Gewalt ernstgenommen und verfolgt werden.  Aber wenn Juristen nur noch Prinzipienreiterei betreiben und Vernunft und gesunder Menschenverstand keine Rolle mehr spielen – dann wird es bedenklich.

 

2 thoughts on “häusliche Gewalt – oder die Grenzen der Vernunft

  1. RA Splendor

    Fänden Sie es auch noch so bagatellös, wenn die Geschlechterrollen umgekehrt verteilt wären? Gewalt von Männern gegen Frauen muß verfolgt werden. Aber Gewalt von Frauen gegen Männer? Da steht doch ein cooler Mann drüber.Oder?

    1. Patrick Riebe Post author

      Zunächst vielen Dank für Ihren Kommentar! In diesem Fall war es ausnahmsweise so, dass es offensichtlich keine „Machtunterschiede“ zwischen den Ehepartnern gab, niemand vor dem anderen geschützt werden musste und auch der Geschädigte gar nicht wusste, was die alle eigentlich wollen. Und ja, in so einem – zugegebenermaßen außergewöhnlichen – Fall hätte ich es auch „bagatellös“ gefunden, wenn der Mann das Glas geworfen hätte.

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